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Cover: Vier Pässe bis Genua

Belletristik

Vier Pässe bis Genua

Mit KI erzeugt
Abenteuerca. 39 Min.

Als Rosa Winterhalter nach dem Tod ihres Vaters einen versiegelten Umschlag in die Hand gedrückt bekommt, macht sie sich mit dem Fahrrad und ihrer Hündin Wanda im Lenkerkorb auf den Weg von München bis ans ligurische Meer. Vier Alpenpässe, eine Handvoll fremder Menschen und viele Stunden im Sattel trennen sie von der Antwort auf eine Frage, die sie ihrem Vater nie gestellt hat. Was auch immer der Umschlag verbirgt – am Ende der Reise wird Rosa nicht mehr dieselbe sein wie zu Beginn.

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Der versiegelte Umschlag

Kapitel 1 von 1 · gesamt 0:00 / 4:59

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Tempo
Schlummer

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Zum Mitlesen: Der versiegelte Umschlag

Die Morgendämmerung lag noch grau über München, als Rosa Winterhalter die Haustür hinter sich zuzog und in die kühle Luft hinaustrat. Der Asphalt war feucht vom Tau der Nacht, und irgendwo in der Ferne rumpelte die erste Straßenbahn. Rosa blieb einen Augenblick stehen, atmete tief ein und ließ den Blick über ihr Fahrrad wandern, das am Gartenzaun lehnte, beladen und bereit.

Sie war zweiundvierzig Jahre alt, drahtig und sehnig, mit schulterlangen dunkelbraunen Haaren, die sie an diesem Morgen zu einem strengen Zopf geflochten hatte. Über ihrer linken Augenbraue zog sich eine kleine, blasse Narbe, und auf ihrer Nase saßen Sommersprossen, die in der aufgehenden Sonne bald wieder zum Vorschein kommen würden. Sie trug ihr verblichenes rostrotes Radtrikot, eine schwarze Radhose und die abgewetzten grauen Handschuhe, die schon so viele Kilometer gesehen hatten. An den Rahmen hatte sie ihre olivgrüne Satteltasche geschnallt, prall gefüllt mit allem, was eine lange Reise verlangte.

Am Lenker hing ein gepolsterter Weidenkorb, und darin lag, zusammengerollt und noch schläfrig, Wanda. Die Hündin hob den Kopf, als Rosa näher trat, und blinzelte sie aus dunklen Augen an. Ihr raues, sandbraunes Fell war noch warm vom Schlaf, und der weiße Fleck über ihrem rechten Auge leuchtete im Zwielicht. Um den Hals trug sie ein rotes Halstuch, das Rosa ihr am Abend zuvor gebunden hatte, beinahe feierlich, als gälte es, einen Aufbruch zu würdigen.

„Na, mein Mädchen", murmelte Rosa und kraulte die hängenden Ohren. „Heute geht es los."

Sie hob Wanda vorsichtig in den Korb, rückte die Decke zurecht und prüfte mit geübten Fingern die Bremszüge, den Sattel, die Reifen. Alles saß. Dann jedoch zögerte sie. In der Brusttasche ihres Trikots spürte sie das Papier, steif und rechteckig, ein Umschlag, den sie nun ein letztes Mal hervorzog.

Er war aus schwerem, cremefarbenem Papier, an den Kanten schon leicht abgegriffen, und auf der Vorderseite stand in der kantigen Handschrift ihres Vaters ein einziger Satz. Öffne mich erst am Hafen von Genua. Nicht früher. Versprich es mir, Rosa. Der Umschlag war versiegelt mit einem Tropfen dunkelroten Wachses, in das Konrad den Boden seiner alten Uhr gedrückt hatte, sodass ein kleiner, unregelmäßiger Kreis zurückgeblieben war.

Rosa schloss die Augen, und für einen Moment war ihr Vater wieder da. [sighs]

Sie sah ihn vor sich, hager und aufrecht trotz seiner neunundsechzig Jahre, das kurz geschorene weiße Haar, die wettergegerbte braune Haut, die buschigen grauen Augenbrauen, die sich zusammenzogen, wenn er es ernst meinte. Er hatte seine speckige braune Lederjacke getragen, wie immer, und an seinem Handgelenk die silberne Uhr mit dem gesprungenen Glas. Es war in den letzten Wochen gewesen, als seine Hände schon zitterten, und dennoch hatte er nach der ihren gegriffen mit einer Kraft, die sie überraschte.

„Du fährst mit dem Rad", hatte er gesagt, und seine Stimme war rau gewesen, aber fest. „Von hier bis nach Genua. Über die Berge, Rosa, nicht drumherum. Vier Pässe. Und diesen Umschlag nimmst du mit, und du öffnest ihn erst unten am Meer, am Hafen, verstehst du?"

Sie hatte gefragt, warum. Sie hatte gefragt, was darin sei. Doch er hatte nur den Kopf geschüttelt, und in seinen Augen hatte etwas gestanden, das sie nicht zu deuten wusste, eine Mischung aus Reue und Hoffnung.

„Versprich es mir einfach", hatte er gesagt. Und sie hatte es versprochen.

Nun, im grauen Licht des Morgens, strich Rosa mit dem Daumen über das rote Siegel und steckte den Umschlag zurück an sein Herz. Der Vater war seit sechs Wochen tot. Was blieb, war dieses Papier und ein Weg, der sich über vier Alpenpässe bis ans Meer zog, weiter, als sie je an einem Stück gefahren war.

Sie schwang sich in den Sattel, spürte das vertraute Gewicht unter sich, und Wanda reckte die Schnauze in den Fahrtwind. Dann trat Rosa in die Pedale, und die stillen Straßen Münchens öffneten sich vor ihr wie eine Frage, auf die nur die Berge eine Antwort kannten.

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