
Belletristik
Das Haus am Möwenweg
Mit KI erzeugtAls Konditorin Marlene ein verwildertes Küstenhaus an der Nordsee erbt, erwartet sie einen einfachen Neuanfang – stattdessen findet sie einen widerspenstigen Nachbarn, eine geheimnisvolle Nachbarin und ein altes Rezeptbuch, das mehr verbirgt als nur den besten Zitronenkuchen der Welt. Zwischen Meereswind, Mehlstaub und einem Fund im Kaminschacht webt sich langsam die Geschichte einer Liebe zusammen, die längst hätte sein sollen.
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Ein Brief mit Salzgeschmack
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Der Regen zeichnete graue Linien an das Küchenfenster, als der Umschlag durch den Türschlitz fiel. Marlene hörte das leise Klatschen auf den Fliesen, während sie am Herd stand und in einer Tasse Tee rührte, der längst kalt geworden war. Sie hatte an diesem Morgen keine Eile mehr. Es gab nichts mehr, wozu sie eilen musste.
Zwei Tage war es her, dass man ihr in der Großbäckerei gekündigt hatte. Umstrukturierung, hatten sie es genannt, mit diesem glatten Wort, das keine Wunde offen zeigte und doch mitten hineinschnitt. Elf Jahre hatte sie dort gestanden, hatte Torten aufgeschichtet und Baiser zu Wolken geschlagen, hatte die Nächte durchgearbeitet, wenn Hochzeiten drängten. Und nun passte alles, was von diesen Jahren geblieben war, in einen einzigen Karton neben der Wohnungstür.
[sighs]
Marlene wischte sich die Hände an ihrer marineblauen Leinenschürze ab, die noch immer vom Vortag mit Mehl bestäubt war. Ihre kupferroten Locken hatte sie am Morgen nur flüchtig zu einem Knoten gesteckt, und ein paar Strähnen hatten sich schon wieder gelöst. Sie war vierunddreißig, und zum ersten Mal seit langer Zeit wusste sie nicht, wohin mit einem Tag, der vor ihr lag wie eine leere Backform.
Sie ging in den Flur und hob den Umschlag auf. Schweres Papier, cremefarben, mit einem gedruckten Absender in der Ecke. Notariat, las sie, und darunter einen Namen und eine Stadt, die sie nicht kannte. Für einen Moment stockte ihr der Atem, denn solche Briefe brachten selten leichte Dinge.
Am Küchentisch, zwischen der kalten Tasse und einer angeschnittenen Zitrone, öffnete sie den Umschlag. Die Zeilen waren nüchtern und höflich, doch ein einziger Name sprang ihr entgegen und ließ ihr die Kehle eng werden. Ida. Ihre Großmutter Ida, die vor drei Monaten gestorben war, still und in der Ferne, und deren Beerdigung Marlene zwischen zwei Schichten kaum begreifen hatte können.
Sie las langsam, dann noch einmal. Ihre Großmutter hatte ihr ein Haus vermacht. Das Haus am Möwenweg dreizehn, im Nordseedorf Sanddorn. Ein Ort, den Marlene nur aus den Erzählungen ihrer Kindheit kannte, aus einem einzigen Sommer, an den sie sich erinnerte wie an einen halb vergessenen Traum.
Und mit dem Namen kamen die Bilder zurück. Der Geruch von Salz und warmem Zucker. Idas Hände, zierlich und flink, wie sie Teig ausrollten. Das Klappern einer Küchenschürze im Wind, die weiße Schürze mit den gestickten Kirschen. Möwen, die über einem Deich kreisten. Und ein Zitronenkuchen, dessen Duft durch ein niedriges, sonnendurchflutetes Zimmer zog, so lebendig, dass Marlene ihn beinahe schmecken konnte, hier, in dieser engen Stadtwohnung, in der es nach kaltem Tee und Regen roch.
[pauses]
Warum ich, dachte sie. Sie war nur wenige Male dort gewesen, hatte den Kontakt über die Jahre schleifen lassen, wie man das eben tut, wenn das Leben einen forttreibt. Und doch hatte Ida an sie gedacht. Ausgerechnet an sie.
Marlene legte den Brief auf den Tisch und sah sich in ihrer Küche um. Die Wände waren zu nah, das Fenster zu klein, die Aussicht nichts als eine graue Häuserfront gegenüber. Sie hatte hier gewohnt, aber gelebt hatte sie eigentlich immer nur zwischen fremden Backöfen, in Bäckereien, die anderen gehörten. Und plötzlich, mit einer Klarheit, die sie selbst überraschte, spürte sie etwas in sich aufstehen, das sie lange nicht mehr gefühlt hatte. Eine Sehnsucht. Ein leises, hartnäckiges Ziehen nach Meer und Weite und einem Anfang, der ihr allein gehörte.
Sie stand auf, so rasch, dass der Stuhl über die Fliesen schrammte. Aus dem Schrank zog sie den alten braunen Koffer, klappte ihn auf das Bett und begann zu packen, fast ohne zu überlegen. Zwei Pullover, ihre Stiefel, das Nötigste. Und obenauf, ganz vorsichtig, den Brief mit dem Salzgeschmack, der nach einem anderen Leben roch.
[exhales]
Draußen ließ der Regen nach. Und irgendwo, weit im Norden, wartete ein Haus mit Rosen am Fenster darauf, dass jemand die Tür wieder aufstieß.
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