
Belletristik
Sechzig Minuten Luft
Mit KI erzeugtEin Mikrometeorit, ein Riss in der Hülle, eine Stunde Atemluft: Für drei Menschen auf der winzigen Raumstation Nadelöhr wird die Routine des Nachtdienstes plötzlich zum Kampf ums Überleben. Während der Sauerstoff schwindet und das Funksignal verstummt, müssen Kommandantin Ada Varga, der junge Techniker Niko Fehr und Ärztin Selma Oyelaran alles geben — und einander vertrauen, ob sie wollen oder nicht.
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Stille vor dem Schlag
Kapitel 1 von 1 · gesamt 0:00 / 7:19
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Dreihundertzwanzig Kilometer über der Erde hing die Forschungsstation Nadelöhr in der Schwärze wie ein vergessenes Spielzeug an einem unsichtbaren Faden. Sie war nicht viel größer als ein Wohnzimmer, ein enger Ring aus Modulen, in dem drei Menschen lebten, arbeiteten und einander kaum entkommen konnten. Draußen zog die Nachtseite des Planeten vorbei, ein tiefes, samtenes Dunkel, durchzogen von den goldenen Adern schlafender Städte. Drinnen summte die Technik ihr ewiges, beruhigendes Lied. Am Hauptpult saß Kommandantin Ada Varga. Mitte vierzig, das kurze graumelierte Haar streng zurückgekämmt, den olivbraunen Hautton im blauen Schein der Bildschirme. Über ihrer linken Augenbraue zog sich eine feine Narbe, und über dem Herzen ihres dunkelblauen Overalls saß ein verblasstes Missionsabzeichen. Sie glitt mit dem Finger über eine Reihe von Werten und nickte langsam. Druck stabil, Temperatur im grünen Bereich. Sauerstoffsättigung normal. Eine ruhige Nacht, so wie ich sie mag. Neben ihr, halb unter einer geöffneten Wartungsklappe verschwunden, kniete Niko Fehr. Anfang zwanzig, das dichte rotblonde Lockenhaar zerzaust, die blasse Haut übersät mit Sommersprossen. Sein grauer Overall war zwei Nummern zu groß, die Ärmel hatte er hochgekrempelt, und über seinen Fingern spannten sich abgewetzte fingerlose Arbeitshandschuhe. Er murmelte Zahlen vor sich hin, als könnte er die Station allein durch Beschwörung im Gleichgewicht halten. Kommandantin, ich habe die Drucksensoren im Backbordbereich neu kalibriert. Die Werte waren gestern ein winziges bisschen daneben. Jetzt müsste alles genau stimmen. Ein winziges bisschen daneben. [pauses] Hast du die Referenzwerte gegengeprüft, bevor du überschrieben hast? Ich... ja. Also, im Grunde ja. Ich habe sie mit dem Handbuch abgeglichen. Vertrauen Sie mir, das sitzt. Vertrauen ist gut. Zweimal messen ist besser. Aber gut gemacht, dass du es überhaupt bemerkt hast. Die meisten hätten das übersehen. Niko lächelte kurz, ein flüchtiges Aufleuchten, das er sofort wieder wegwischte, als schäme er sich für den kleinen Stolz. Er zog den Kopf aus der Klappe und wischte sich mit dem Handrücken über die Stirn, obwohl es kühl war im Modul. Aus dem schmalen Durchgang zum Laborsegment schwebte Doktor Selma Oyelaran herein, mit der geübten Leichtigkeit eines Menschen, der die Schwerelosigkeit längst zur zweiten Natur gemacht hatte. Ende dreißig, das schwarze Haar in dünnen Zöpfen zu einem Knoten gebunden, dunkelbrauner Hautton, über dem grünen Overall der weiße Kittel. An ihrem Hals baumelte an einer dünnen silbernen Kette ein kleiner Anhänger. In der Hand hielt sie drei zusammengedrückte Tuben. Abendessen, meine Herrschaften. Heute in der begehrten Geschmacksrichtung Gemüse, das einmal von Weitem an Tomaten gedacht hat. [laughs softly] Du machst mir richtig Appetit, Selma. Iss trotzdem. Dein Kreislauf mag es nicht, wenn du zwölf Stunden am Stück an Kabeln herumbastelst und dabei vergisst, dass du ein Körper bist und kein Werkzeugkasten. Sie drückte Niko eine Tube in die Hand und ließ eine zweite langsam durch die Luft zu Ada gleiten. Ada fing sie auf, ohne den Blick von ihren Anzeigen zu nehmen. Danke. Setz dich für eine Minute, Selma. Es ist ruhig. Solche Momente sollte man nicht verschwenden. [exhales] Ruhig. Weißt du, dass du das Wort immer sagst, kurz bevor irgendetwas piept? Dann piept eben etwas. Wir reparieren es, wie immer. Diese alte Nadel hält mehr aus, als ihr Baujahr vermuten lässt. Für einen Augenblick schwiegen die drei, und in dieses Schweigen legte sich das vertraute Summen wie eine warme Decke. Man hörte das leise Zischen der Luftaufbereitung, das Klicken eines Ventils, irgendwo das Surren eines Lüfters. Es waren die Geräusche eines Zuhauses, das durch das Nichts flog. Darf ich etwas fragen? Wie lange sind Sie eigentlich schon hier oben, Kommandantin? Ich meine, insgesamt, über all die Jahre. Zusammengerechnet fast drei Jahre meines Lebens habe ich in der Schwerelosigkeit verbracht. Manchmal fühlt sich der Boden zu Hause an wie eine Erinnerung an jemand anderen. Und trotzdem kehrst du immer wieder zurück nach oben. Weil es hier oben ehrlich ist. Da draußen gibt es kein Verhandeln. Entweder die Hülle hält dich am Leben, oder sie tut es nicht. Das macht die Sache erstaunlich klar. Niko warf einen Blick durch das kleine, dicke Sichtfenster. Unter ihnen glitt die Erde vorbei, langsam, majestätisch, gleichgültig. Ein feiner Bogen aus Morgenlicht begann sich an ihrem Rand zu formen, ein blasser Streifen, der Stunde für Stunde die Nacht in Tag verwandelte. Ich werde mich nie daran gewöhnen. An diesen Anblick. Es ist, als würde man auf etwas schauen, das viel zu groß für einen ist. Das ist gut so. In dem Moment, in dem dich das hier langweilt, solltest du nach Hause fliegen. Vergiss nie, wie zerbrechlich das alles ist. Diese dünne Wand ist alles, was uns von der Leere trennt. Ada lehnte sich zurück, drückte einen kleinen Schluck aus ihrer Tube und verzog das Gesicht. Du hattest recht, Selma. Das schmeckt tatsächlich nur nach der Idee von Tomaten. [laughs] Ich sage nur die Wahrheit. Das ist mein Beruf. Ich mache dann noch die letzte Kontrollrunde durch das Backbordsegment. Danach ist alles für die Nachtschicht abgeriegelt. Geh. Und Niko, prüf deine kalibrierten Sensoren gleich noch einmal mit. Nur zur Sicherheit. Niko nickte und schob sich schwebend in den engen Verbindungsgang. Ada sah ihm nach, dann kehrte ihr Blick zurück zu den ruhig leuchtenden Zahlen. Selma schloss für einen Moment die Augen und ließ sich vom Summen tragen. Alles war an seinem Platz. Alles war sicher. Keiner von ihnen wusste, dass in genau diesem Augenblick, viele Kilometer entfernt und mit der Wucht einer Gewehrkugel, ein winziges Staubkorn aus Metall lautlos durch die Schwärze auf die Nadelöhr zuraste. Die Ruhe hielt noch. Noch für ein paar Atemzüge. Dann würde sie zerbrechen.
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