
Geschichte
Die Glocken von Lobdeburg
Mit KI erzeugtIm Sommer 1349 kriecht der Schwarze Tod das Saaletal hinauf und verwandelt Jena in eine Stadt der Angst. Die junge Kräuterkundige Adelheid weigert sich, tatenlos zuzusehen – doch zwischen Flagellanten, die Gottes Zorn predigen, und einem Mob, der nach Schuldigen sucht, wird ihr Wissen zur gefährlichsten Waffe, die sie besitzt. Als sie mit einem gebrochenen Ritter auf die verfallende Lobdeburg flieht, beginnt ein Kampf nicht nur um Leben und Tod, sondern um die Seele einer ganzen Stadt.
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Der erste Tote am Saaleufer
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Der Hochsommer lag schwer über dem Saaletal, und die Luft roch nach warmem Schlamm und faulendem Schilf. Adelheid ging den schmalen Pfad am Ufer entlang, wie sie es an so vielen Morgen getan hatte, die lederne Gürteltasche voll getrockneter Kräuter an der Hüfte. Sie war eine junge Frau von etwa dreiundzwanzig Jahren, schlank, mit langem, dunkelbraunem Haar, das sie zu einem strengen Zopf geflochten und unter einem grauen Leinentuch verborgen trug. Über ihrer linken Augenbraue zog sich eine feine Narbe, ein altes Andenken aus Kindertagen. Ihr erdbraunes Wollkleid war am Saum feucht vom Tau der Uferwiese.
Sie suchte nach Blutwurz und Beinwell, nach jenen Wurzeln, die Wunden schlossen und Fieber milderten. Doch an diesem Morgen fand sie etwas anderes. Zwischen den Weiden, halb im seichten Wasser, lag ein Mann. Es war der alte Fischer Cunz, den sie kannte, seit sie denken konnte. Seine Reuse trieb neben ihm, leer und aufgeblähte Fische darin. Adelheid kniete nieder und wusste im ersten Augenblick, dass hier keine Heilkunst mehr half.
Das Gesicht des Toten war dunkel angelaufen, der Mund weit geöffnet, als habe er nach Luft gerungen. Und dann sah sie es. Am Hals, unter dem Kinn, saßen Beulen, groß wie Walnüsse, blauschwarz und geschwollen. Adelheid hatte in ihrem Leben viele Kranke gepflegt, hatte Furunkel geöffnet und Wundbrand gerochen. Doch dies kannte sie nicht. Ein Frösteln kroch ihr über den Rücken, obwohl die Sonne bereits heiß auf dem Wasser lag. Behutsam zog sie ihre Hand zurück, bekreuzigte sich und [whispers] flüsterte ein Gebet, mehr aus Gewohnheit als aus Glauben.
Sie ließ den Toten zurück und eilte den Hang hinauf, hinein durch das Stadttor von Jena. Die Stadt erwachte um diese Stunde, und doch lag etwas Fremdes über den engen Gassen. Auf dem Marktplatz vor dem Dominikanerkloster drängten sich die Menschen dichter als sonst, und ihre Stimmen hatten einen gedämpften, ängstlichen Klang. Die Marktweiber priesen ihre Kirschen und Zwiebeln, doch keiner feilschte mit der alten Lust. Ein Bauer erzählte, in Erfurt seien ganze Straßenzüge ausgestorben. Ein anderer sprach von Nürnberg, von Würzburg, von Städten im Süden, in denen man die Toten nicht mehr begraben könne, so viele seien es.
„Von Süden zieht es herauf", murmelte eine Frau und zog ihr Kind näher an sich. „Die große Sterberei. Erst kommt das Fieber, dann die Beulen, dann der Tod."
Adelheid blieb stehen, und ihr Herz schlug hart. Die Beulen am Hals des Fischers. Sie hatte gehört, was Kaufleute berichteten, hatte es für ferne Schrecken gehalten, für Geschichten aus fremden Landen. Nun aber lag ein Toter am Ufer ihrer eigenen Saale. [sighs]
Eine Hand berührte ihren Arm, und sie fuhr herum. Es war Mirjam, ihre Freundin, eine zierliche junge Frau von etwa zwanzig Jahren, mit dichten schwarzen Locken, die unter einem gestreiften Kopftuch hervorlugten. Ihre olivfarbene Haut und die wachen dunklen Augen wirkten an diesem Morgen blass vor Sorge. Am dunkelblauen Kleid trug sie das gelbe Stoffzeichen, das den Juden vorgeschrieben war.
„Du hast es auch gehört", sagte Mirjam leise. „Die Leute reden von nichts anderem mehr. Mein Vater sagt, in den südlichen Städten habe man ganze Gemeinden ausgelöscht, nicht nur an der Seuche gestorben." Sie ließ den letzten Satz in der Luft hängen, und Adelheid verstand das Ungesagte darin.
„Ich habe einen Toten gefunden", sagte Adelheid ebenso leise. „Cunz, den Fischer. Er trug die Beulen am Hals, von denen sie sprechen."
Für einen Augenblick sahen die beiden Frauen einander nur an, während um sie herum der Markt weiterlärmte, ahnungslos und laut. [pauses] Über den Dächern läutete die Glocke des Klosters zur Messe, und ihr Klang schien plötzlich schwerer als sonst, wie eine erste, ferne Warnung. Adelheid spürte, dass eine Zeit zu Ende ging und eine andere, dunklere begann. Noch wusste niemand in Jena, was sich wenige Tage später durch das Stadttor schieben würde, mit Peitschen und Gesängen und dem Namen Gottes auf blutigen Lippen.
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