
Krimi
Der letzte Almabtrieb
Mit KI erzeugtBeim festlichen Almabtrieb in Sankt Roswinn stirbt ein angesehener Bauer am Fuß des Geröllfelds — ein Unglück, wie alle sagen. Nur der pensionierte Gendarm Alois Brandtner glaubt kein Wort davon und stellt Fragen, die das Tal lieber ungestellt lässt. Je tiefer er gräbt, desto klarer wird: Hinter dem goldenen Herbstfest verbergen sich alte Wunden, verschwiegene Geheimnisse und eine Wahrheit, die niemand hören will.
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Kranzgeschmückt ins Tal
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Das Licht dieses Septembermorgens lag wie flüssiges Gold über dem hinteren Talende, und Alois Brandtner stand am Wegrand, wo er seit Jahren stand, wenn das Vieh von der Kranzberg-Alm herunterkam. Neunundsechzig Jahre hatte er auf dem Buckel, eine kräftige, leicht gebeugte Gestalt in abgewetzter graugrüner Lodenjoppe, das kurzgeschorene weiße Haar unter einem Filzhut mit Gamsbart, den grauen Schnauzbart vom Morgenwind gekräuselt. Seine sonnenbraune, wettergegerbte Haut erzählte von tausend solchen Tagen. Doch heute war er nur Zaungast, kein Gendarm mehr, und er sagte sich, dass ihm das recht sei.
Von weit oben trug der Wind das erste Läuten herab. Zuerst nur ein Ahnen, dann ein volles, wogendes Geläut, als hätten die Berge selbst zu singen begonnen. Die Kühe kamen, geschmückt mit prächtigen Kränzen aus Almrosen, Tannenreisig und bunten Bändern, die Leitkuh voran mit einem Kopfputz so hoch wie ein Wagenrad. Kinder liefen kreischend voraus, Frauen in dunklen Trachten klatschten, und irgendwo stimmte die Blasmusik von Sankt Roswinn einen Marsch an, blechern und fröhlich und ein wenig schief.
Brandtner ließ den Blick über die Menge wandern, so wie er es immer getan hatte, gewohnheitsmäßig, prüfend. Da war Franzeska Hueber, die Sennerin, kräftig und rotwangig, das rotblonde Haar zu zwei Zöpfen geflochten, ihr blaues Dirndl staubig vom Almsommer. Sie trieb die letzten Tiere mit kurzen Rufen und einem Gesicht, das heute angespannter wirkte, als ein Festtag es verlangte. Neben dem Weidezaun stand, breitbeinig und stämmig, Korbinian Steinlechner, der Nachbarbauer, den kahlen Kopf mit grauem Kranz gerötet von etwas, das nicht nur die Sonne war. Er redete auf jemanden ein, mit hackenden Handbewegungen, und Brandtner musste den Kopf nicht wenden, um zu wissen, mit wem.
Denn Vinzenz Ostler ragte über die anderen hinaus, groß und breitschultrig, das graumelierte Haar voll unter dem Hut, an dem ein prächtiger Erntestrauß steckte. Seine dunkelgrüne Festtagstracht mit den silbernen Knöpfen glänzte, und sein sonnengegerbtes Gesicht mit den tiefen Falten blieb hart, während Steinlechner sich ereiferte. Ein paar Worte drangen herüber, scharf wie Kieselsteine. Grenzstein. Weiderecht. Endgültig. Dann drehte Ostler dem Nachbarn den Rücken zu, und das war eine Beleidigung, die im Tal jeder verstand.
Ein Stück abseits stand die Familie. Rosa Ostler, schmal und blass, das dunkelgraue Haar straff zu einem geflochtenen Knoten gebunden, in schwarzem Trachtenkleid mit dunkler Schürze. Um ihren Hals schimmerte ein silbernes Kropfband. Sie beobachtete ihren Mann mit einem Ausdruck, den Brandtner nicht recht deuten konnte, nicht Stolz, nicht Zärtlichkeit, eher etwas Verschlossenes, das man an einem Festtag nicht trägt. Und neben ihr, die Arme verschränkt, stand der Sohn Bartl, vierunddreißig, hochgewachsen und sehnig, das dunkelblonde Haar verstrubbelt, den Dreitagebart über einem Mund, der zu einem dünnen Strich gepresst war. Als sein Vater vorüberging, wandte Bartl den Kopf zur Seite, und Brandtner sah, wie sich seine Kiefer mahlten.
[sighs] So viel Groll, dachte der alte Gendarm, an einem so schönen Tag.
Dann geschah das, was ihm später nicht mehr aus dem Kopf ging. Vinzenz Ostler löste sich aus dem Zug, tippte an seinen Hut und rief der Sennerin etwas zu, das im Geläut unterging. Statt mit dem Vieh den breiten Fahrweg ins Tal zu nehmen, wandte er sich bergwärts, dem schmalen oberen Viehpfad zu, der am Geröllfeld entlang zum alten Grenzstein führte. Allein, früher als alle anderen, stieg er wieder hinauf, während das Fest hinunterzog.
Franzeska Hueber sah ihm nach, und ihre Hand blieb einen Herzschlag zu lang in der Luft.
Brandtner runzelte die Stirn. Ein Bauer, der am Tag seines eigenen Almabtriebs wieder den Berg hinaufsteigt, allein, in Festtagstracht. Er schob den Gedanken beiseite, so wie man eine Fliege verscheucht. Es ging ihn nichts an. Er war im Ruhestand.
Und doch blieb sein Blick an dem grünen Rücken hängen, bis er zwischen den Latschen verschwand, dorthin, wo der Pfad sich dem Abgrund näherte.
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